
Der Hauptschlitten der SK840 zieht das Garn von selbst durchs Nadelbett, der Silver Reed AG24 tut das Gegenteil: gar nichts, außer die passenden Nadeln vorzuwählen. Wer sich für sauberes Intarsien-Stricken mit großen, klaren Farbflächen entscheidet, kauft mit diesem Zubehör kein automatisches Werkzeug, sondern ein rein mechanisches – den Rest übernehmen zwei Hände und ein Gefühl für Fadenspannung. Genau diese Lücke zwischen Erwartung und tatsächlicher Strickmaschinen-Technik war der Grund, warum ich mir den AG24 erst genau angesehen habe, bevor überhaupt bestellt wurde.
AG24 oder Hauptschlitten: Zwei komplett verschiedene Prinzipien
Bevor ich nach einem Verkäufer gesucht habe, lagen das Handbuch des AG24 und das des älteren AG20 nebeneinander auf dem Tisch – die Frage war, ob das mechanische Auslösesystem sauber zur SK840 passt. Der AG24 ist für das Standard-Gauge von 4,5 mm gebaut und bedient das komplette Nadelbett mit bis zu 200 Nadeln. Wer Intarsia-Muster mit der Strickmaschine stricken will, muss diesen Punkt verstehen: Der Schlitten übernimmt nur die Nadelvorwahl, keinen Fadenwechsel.
Musterverwaltung per Software spielt hier ohnehin keine Rolle, weil kein automatischer Fadenwechsel angesteuert wird – das bleibt Modellen mit eigenem Fadenführer vorbehalten. Auch ein nachgerüsteter Motor am Hauptschlitten ändert an dieser Handarbeit nichts, und eine Musterübertragung per USB oder PC-Anschluss braucht der AG24 sowieso nicht, weil die Nadelvorwahl komplett mechanisch bleibt. Vergleichbar ist das mit einem Auto, dessen Bordcomputer zwar den Reifendruck meldet, das Nachfüllen der Luft an der Tankstelle aber immer noch von Hand passiert.
Wie die manuelle Nadelvorwahl funktioniert
Der Schlitten schiebt die ausgewählten Nadeln in die obere D-Position, die Nadelzungen öffnen sich, und das Garn kommt von Hand über die offenen Haken. Genau das ist Intarsien-Stricken im eigentlichen Sinn – für jeden Farbblock ein eigenes Knäuel, ohne die Spannfäden, die man bei automatischen Verfahren auf der Rückseite mitschleppt. Wer schon einmal eine gebrauchte Strickmaschine und deren Nadelbett geprüft hat, weiß, wie unangenehm verharzte Nadelkanäle werden – der AG24 verzeiht so etwas nicht, weil jede hakende Nadel die ganze Farbfläche verzieht. Wer stattdessen an einem Feinstricker mit engerem Nadelabstand arbeitet, braucht sowieso ein komplett anderes Zubehörteil, der AG24 bleibt strikt beim Standard-Gauge.
Die Fadenspannung selbst kalibriert man ähnlich wie eine Maschenprobe vor jedem neuen Garn – wer das überspringt, bekommt unruhige Reihen oder Nadeln, die sich kaum noch bewegen lassen. Verharzte oder klemmende Nadelkanäle sind ohnehin ein eigenes Wartungsthema, unabhängig davon, welcher Schlitten gerade läuft. Mein Nachbar Gunnar, gelernter Schreiner, kam einmal extra runter, weil ihm das trockene Klick-Klack des AG24 komisch vorkam – sein erster Kommentar galt nicht der Funktion, sondern wie sauber das Gehäuse gearbeitet war.
Vier Wochen bis zum ruckfreien Lauf
Eine kurze Einführung im örtlichen Handarbeitsgeschäft hatte ich mir vorher noch gegönnt, in der Hoffnung, ein paar Grundlagen zur Fadenspannung mitzunehmen – reine Zeitverschwendung für diesen Zweck, weil dort ausschließlich Handstricken unterrichtet wurde und niemand je einen Nadelbettschlitten in der Hand hatte. Für die eigentliche Technik blieb nur Ausprobieren.
In den ersten Wochen hakte der Schlitten immer wieder mitten in der Reihe, meist wegen zu strammer oder zu lockerer Fadenspannung. Einmal fiel eine komplette Reihe Maschen, weil die seitlichen Magnete nicht sauber mit den Sensoren der SK840 eingerastet waren – ohne diesen Kontakt weiß die Elektronik nicht, wo der Schlitten steht, ähnlich wie bei einem Treiberkonflikt, bei dem die Hardware zwar angeschlossen ist, das System sie aber nicht anspricht. Man spürt jeden Anschlag am Bettende sogar durch die Tischplatte, ein kurzes Nachzittern in den Fingern, bevor wieder Ruhe einkehrt. Erst in der vierten Woche lief der Schlitten durch, ohne dass irgendwo ein Ruckeln oder Klacken aus dem Takt kam – ab da wusste ich, wie sich die richtige Spannung überhaupt anfühlt.
Das Gewicht beim Auspacken hat mich kurz überrascht, auch wenn Stellplatz oder Transportgewicht bei einem Zubehörteil dieser Größe kein wirkliches Problem sind – das betrifft eher die Maschine selbst. Zur Grundausstattung, die ich jedem Einsteiger empfehlen würde, zählt der AG24 trotzdem nicht: Dafür ist er zu speziell für ein einzelnes Verfahren.
Kaufberatung AG24 – lohnt sich das Zubehör für dich?
Viele Einsteiger glauben, der AG24 sei die Lösung für jedes Mehrfarb-Problem – das ist ein Trugschluss. Bei zweifarbigen Mustern lohnt sich der Aufwand meistens nicht, ein manueller Umbau der Nadelsperre oder eine geschickte Nadelwahl am Hauptschlitten liefert schneller stabile Ergebnisse. Der AG24 ist ein Spezialwerkzeug für saubere, große Farbflächen, nicht für gelegentliche Zweifarb-Spielereien.
Bei Passap oder Brother sieht die Systemlogik der Nadelvorwahl ohnehin wieder anders aus, das ist ein eigenes Kapitel und würde hier zu weit führen. Eine Doppelbett-Erweiterung löst außerdem ein anderes Problem als die Farbführung beim Intarsien-Stricken, die beiden Themen sollte man nicht vermischen. Ob eine Maschine ihre Muster elektronisch oder per Lochkarte vorwählt, ändert am Prinzip des AG24 nichts, wirkt sich aber stark auf die restliche Bedienung aus – wer da unsicher ist, findet in meinem Vergleich zwischen Silver Reed und der gläsernen Strickmaschine die unterschiedlichen Ansätze zur Musterbildung gegenübergestellt.
Kaufentscheidung: neu, gebraucht oder vom Flohmarkt
Eine Leserin namens Wencke Hofstetter hat mir vor einiger Zeit geschrieben, mit einer sehr genauen Frage: ob sich der AG24 mit einer geerbten Silver Reed SK155 verträgt, samt exakter Beschreibung, wo die Nadeln beim Versuch hängen blieben. Die Antwort war ernüchternd, die SK155 gehört nicht zu den kompatiblen Modellen SK280, SK580 und SK840. Ob sich für ihre Maschine überhaupt ein passender Kurs lohnt, lässt sich ohnehin nur mit einer sauberen Kostenrechnung pro Kursstunde beantworten, nicht mit einem Bauchgefühl.
Gebraucht taucht der AG24 selten auf, und wenn, dann eher auf Spezial-Flohmärkten als im normalen Second-Hand-Regal – zuletzt habe ich ein Exemplar auf dem Flohmarkt Böblingen, auf dem Parkplatz beim Schönbuch-Center, entdeckt, allerdings ohne Handbuch und zu einem Preis, der mich nicht überzeugt hat. Eine kurze Checkliste für den Gebrauchtkauf hätte ohnehin dazugehört, ebenso wie die Grundsatzfrage, ob einem die Garantie beim Neukauf den Aufpreis wert ist oder man das Risiko lieber selbst trägt.
Die eigentliche Lehre aus vier Wochen mit diesem Schlitten hat weniger mit dem AG24 selbst zu tun als mit Zubehör allgemein: Bevor ein Teil bestellt wird, lohnt sich die Frage, ob es ein echtes technisches Problem löst oder nur eine Wunschvorstellung bedient. Bei Intarsien-Mustern mit klaren Farbflächen war die Antwort bei mir eindeutig ja – bei allem, was sich auch mit zwei Farben und etwas Geduld am Hauptschlitten lösen lässt, wäre sie es nicht.