
Der Schlitten blockiert mitten in der Reihe. Das dicke Dochtgarn hat sich um zwei Nadeln gewickelt, und ich ziehe vorsichtig zurück, bevor eine Nadel abbricht. Genau das passiert, wenn Wolle für einen Grobstricker durch eine Maschine mit feinem Nadelabstand gezwungen wird. Deshalb landen fast alle Fragen zum Thema dicke Wolle am Ende bei denselben zwei Kandidaten: der Brother KH-260 oder der Silver Reed SK155.
Kurzer Punkt vorweg, weil er zur Kaufentscheidung gehört: Dieser Artikel enthält Affiliate-Links, über die ich bei einem Kauf eine Provision bekomme — ohne Aufpreis für dich. Getestet habe ich nur, was tatsächlich in meiner Werkstatt oder auf meinem Schreibtisch gelandet ist, nicht was mir ein Hersteller kostenlos zugeschickt hat.
Warum 9mm-Nadelabstand für dicke Wolle kein Nice-to-have ist
Wer mit Wolle für Nadelstärke 5 bis 8 stricken will, kommt an einem Nadelabstand von 9mm nicht vorbei — alles darunter presst das Garn in ein Nadelbett, für das es nicht gebaut wurde. Standard- und Mid-Gauge-Maschinen mit 4,5 bis 6,5mm Nadelabstand sind für Sockenwolle bis leichte DK-Garne ausgelegt. Sobald Aran-Gewichte oder gröber im Spiel sind, halten die engen Nadeln die Schlaufen nicht mehr sicher, und der Schlitten klemmt, wie eingangs beschrieben. Die Auswahl an echten 9mm-Maschinen ist überschaubar und konzentriert sich fast ausschließlich auf zwei Modelle, gebraucht wie neu: die Brother KH-260 und die Silver Reed SK155.
Mein Ansatz beim Vergleich ist derselbe wie bei einer Serverbeschaffung: eine Matrix aus Nadelzahl, Musterautomatik und Ersatzteilversorgung. Bei Brother ist Letzteres ein heikler Punkt, weil die Produktion seit Jahren eingestellt ist. Silver Reed baut die SK155 dagegen bis heute fabrikneu — ein Pluspunkt für die Betriebssicherheit, ungefähr wie ein längerer Support-Zeitraum bei einem Betriebssystem.
Brother KH-260 gegen Silver Reed SK155: Die Spezifikationen im Vergleich
Auf dem Papier trennen die beiden Maschinen nur wenige Details. Die Brother KH-260 bringt 114 Nadeln auf das Bett, die Silver Reed SK155 kommt auf 110 — vier Nadeln Unterschied, die sich in der Breite eines Pullovers durchaus bemerkbar machen, wenn es um 'passt gerade so' oder 'zu eng' geht. Der eigentliche Bruch liegt bei der Lochkarte: Die KH-260 arbeitet mit einem Rapport von 24 Maschen, die SK155 nur mit 12. Wer Norwegermuster oder strukturierte Fangpatentmuster stricken will, stößt mit 12 Maschen schnell an eine Grenze — ungefähr der Unterschied zwischen einer einfachen 8-Bit-Grafik und etwas, das man ernsthaft als Design bezeichnen kann.
Eine Rückfrage dazu hatte ich vor einiger Zeit an Friedemann Klatt gestellt, einen Kontakt aus einem Reparaturforum für Strickmaschinen. Geantwortet hat er, wie meistens, erst nach ein paar Tagen Funkstille — dafür mit einer minutiös ausführlichen technischen Erklärung, warum ein 24er-Rapport mechanisch mehr Gestaltungsspielraum lässt als ein 12er. In der Praxis fühlt sich die Silver Reed dadurch fast minimalistisch an, was ein Vorteil sein kann, wenn man weniger Fehlerquellen will. Wer aber gerne protokolliert und optimiert, bekommt bei der Brother schlicht mehr Stellschrauben.
Wer sich für das Brother-Ökosystem entscheidet, sollte sich auch mit dem Wichtiges Zubehör für Brother Strickmaschinen: Diese Werkzeuge sparen Zeit beschäftigen, um den Workflow zu glätten. Eine Mustersoftware, die Lochkarten am Rechner entwerfen und direkt für den Locher exportieren sollte, hatte ich mir davor schon gekauft — sie unterstützte aber nur den 24er-Rapport der Brother-Systeme, für die 12er-Karte der Silver Reed musste ich jede Reihe von Hand nachrechnen. Für einen gemischten Maschinenpark also nur bedingt zu empfehlen.
Welche Maschine hält den Schlitten frei und welche klemmt?
Ich habe mich am Ende für eine gebrauchte KH-260 entschieden, die in einem klassischen Wartungsstau ankam — die Nadelsperrschiene lag platt wie ein überfahrenes Blech, ein bekannter Schwachpunkt bei Maschinen dieses Alters. Beim Gebrauchtkauf einer Brother gehe ich inzwischen eine feste Checkliste durch, bevor überhaupt Geld fließt. Nach dem Austausch der Schiene und einer Reinigung mit Feinmechaniköl — verharzendes Öl hat in einer Strickmaschine nichts verloren — lief der erste Testgang.
Vorher hatte ich in einer Facebook-Gruppe für Strickmaschinen nachgefragt, was an der Fadenspannung falsch läuft. Die Antworten widersprachen sich derart, dass am Ende kein roter Faden übrig blieb, nur ein Dutzend verschiedene Meinungen zu Schlittendruck und Nadelspiel. Ein strukturierter Kurs brachte am Ende die Ordnung, die ein offenes Forum nicht liefern kann.
Wir sind bei Die gläserne Strickmaschine gelandet — kein PDF zum Durchblättern, sondern ein System mit Lektionen, die tatsächlich Schritt für Schritt durch die Konfiguration führen, vergleichbar mit einer begleiteten Softwaremigration, bei der man nicht einfach ein Update startet und hofft. Besonders die mechanischen Zusammenhänge haben mir klargemacht, warum der Schlitten bei bestimmtem Garn zickt.
Ein einfacher Check zeigt, ob die Fadenspannung über ein ganzes Projekt stabil war: den fertigen Pullover auf die Küchenwaage legen und das Gewicht mit der vorher berechneten Garnmenge abgleichen. Bei meinem Islandpullover lag die Abweichung unter zehn Gramm, ein Hinweis darauf, dass der Schlitten sauber durchgezogen hatte, ohne unbemerkte Spannungsspitzen.
Gebrauchtkauf: Worauf beim Zustand wirklich achten
Kein Grobstricker verhält sich wie ein Drucker, bei dem 'Start' reicht — eher wie eine CNC-Fräse im Heimwerkerbereich, bei der man das Material verstehen muss, bevor die Maschine sauber arbeitet. Das gilt für die Brother genauso wie für die Silver Reed, nur äußert sich die Rüstzeit unterschiedlich: Bei der KH-260 geht ein Teil davon in die Instandsetzung eines gebrauchten Exemplars, bei der SK155 eher in das Einlesen einer schlichteren Musterlogik.
Getestet habe ich beide Ansätze in meiner Kellerwerkstatt im Stuttgarter Südwesten, wo die alte KH-940 nach wie vor fest am linken Ende der Werkbank steht, daneben zwei Regale mit beschrifteten Boxen für Nadeln, Ersatzteile und Lochkarten, dazu ein Klapptisch mit Laptop für Kurszugänge und Testprotokolle. Schaumstoffmatten liegen unter der Werkbank aus.
Christl Brummer, aus einer Bastelgruppe hier in der Gegend, hatte neulich am Telefon gefragt (sie ruft lieber an, als zu schreiben), ob sich ihre geerbte Maschine ebenfalls für dicke Wolle eignet. Nein, nicht ohne Weiteres: Ihr Modell ist auf Standard-Gauge ausgelegt, für Aran-Garn bräuchte es genau den Sprung auf 9mm, um den es hier geht.
Wartung kostet bei beiden Herstellern mehr als der Kaufpreis
Ersatzteile und Wartungsaufwand sind bei beiden Herstellern ein eigenes Kapitel, das über den reinen Anschaffungspreis hinausgeht. Bei der Brother KH-260 heißt das in der Praxis: Wer eine defekte Nadelsperrschiene oder einen gerissenen Riemen braucht, sucht auf dem Gebrauchtmarkt oder in Ersatzteil-Sets von Drittanbietern, weil die Fertigung eingestellt wurde. Silver Reed liefert Ersatzteile für die SK155 dagegen weiterhin über den regulären Vertrieb, was die Maschine für alle interessant macht, die ungern nach Einzelteilen jagen.
Ob man dabei lieber bei der klassischen Lochkarte bleibt oder gleich auf ein elektronisches Modell wechselt, ist nochmal eine andere Rechnung als die hier — beide Systeme haben beim Wartungsaufwand ihre eigenen Tücken. Was ein Kurs pro Stunde wirklich kostet, rechne ich inzwischen vorher aus, bevor ich zusage — dazu mehr im Strickmaschinen Kurs Vergleich: Welches Training bringt schnelle Erfolge?. Die Maschenprobe kalibriere ich außerdem bei jedem Garnwechsel neu, weil sich Fadenspannung und Zeitaufwand sonst nicht seriös miteinander vergleichen lassen.
Kaufentscheidung: Brother oder Silver Reed
Unterm Strich läuft die Entscheidung auf zwei Nutzertypen hinaus. Wer komplexe Norwegermuster oder Fangpatent im großen Rapport stricken will und keine Angst vor dem Gebrauchtmarkt hat, kommt an der Brother KH-260 kaum vorbei — der 24er-Rapport und die mechanische Robustheit sind dafür einfach die passenderen Werkzeuge, trotz des Alters. Wer dagegen eine fabrikneue Maschine mit Garantie will und mit einfacheren Mustern zufrieden ist, liegt mit der Silver Reed SK155 richtig — nur sollte man wissen, dass sich der 12er-Rapport bei ambitionierteren Projekten schnell wie eine künstliche Bremse anfühlt.
Ohne eine strukturierte Lernbasis bleibt aber jede der beiden Maschinen ein teurer Briefbeschwerer im Keller. Die gläserne Strickmaschine deckt genau die mechanischen Zusammenhänge ab, die weder eine offene Facebook-Gruppe noch ein paar zufällige Video-Schnipsel liefern — wer gerade zwischen den beiden Modellen steht, sollte sich das vor dem Kauf ansehen, nicht erst danach.